● Bildergalerie (2 Bilder online, Stadtarchiv Eisenach)
Das historische Waldhaus Sängerwiese bei Eisenach
Der historischen Chronik nach, entstand der Name Sängerwiese im 19. Jahrhund- dert. Ursprung und Namensgeber soll der im hinteren Marinental gelgene Felsen "Sängerstein" sein. Der Sänergstein selbst erhielt seinen Namen am 24. August 1847 im Rahmen des 5. Thüringer Liederfestes, welches in besagten Mariental stattfand, genauer gesagt in der "Milchkammer". Die damalige Sängerbewegung benannte den markanten Felsen. Bereits Wochen vor dem Ereignis kündigte das "Eisenacher Sonntagsblatt" das Chortreffen an, so dass zum alljährlichen statt- findeten Liederfest am 23. und 24. August 1847 hunderte Sänger in die Wartburg- stadt kamen. Zu den berühmten Besuchern des Festes gehörte unter anderem der Heimatdichter Ludwig Bechstein, der zahlreiche Thüringer Sagen und Märchen nie- derschrieb.
Der genaue Zeitpunkt, wann sich der Name Sängerwiese einbürgerte, ist nicht be- kannt. Sicher ist, daß Natur- und Heimatfreund Max Schuchardt 1927 das Gasthaus Sängerwiese errichtete und bis 1932 in der uns heute bekannten Form ausbaute. Das Waldhaus Sängerwiese gehörte stets zu den beliebtesten gastronomischen Einrichtungen in der Eisenacher Umgebung. Als anschauliches Beispiel nennt die Chronik das Jahr 1972. Die Geschicke des Waldgasthofes Sängerwiese werden von Elly Schuchardt geführt, die bei der Bewirtung der Gäste von ihre Tochter Ina und von Walter Hörnlein unterstüzt wird. Auf der Karte stehen neben Thüringer Spe- zialitäten in erster Linie selbstgebackener Kuchen und Kaffee. Leztere ziehen die zahlreiche Kundschaft besonders an den Wochenenden magisch an den idyllisch gelegenen Ort. Die Wegkreuzung zwischen Wartburg und Hoher Sonne von Nord nach Süd und dem Mariental in Richtung Westen sind der ideale Ort zur Rast für die Wanderer und Ausflügler, die zu dieser Zeit noch besonders zahlreich die Region rund um die Wartburgstadt durchstreiften.
Als allererste Versorgungseinrichtung an dieser Stelle gilt eine Erfrischungsstation von Carl Roth, worauf der spätere Gasthof "Sängerwiese" basiert. Gartenstühle und einfache Klapptische, umrahmt vom leeren Bierfässern vor einer hölzernen Bretter- bude, sorgten für ein uriges Ambiente. Dies zumindest dokumentiert das Bild einer alten Ansichtskarte, welches vermutlich um 1917 entstand. Die Karte selbst wurde vom Thüringer Postkartenverlag Theodor Jungmann aus Eisenach verlegt und zeigt auf ihrer Rückseite das Angebot der Erfrischungsstation auf in Form von Bier, Brat- wurst und sonstigen Erfrischungen. Von Vereinen und Schulen erwünschte der Be- sitzer ein Voranmeldung, um den Bedarf der Besucher auch decken zu können.
Bekannt wurde die "Sängerwiese" auch durch diverse Veranstaltungen. Bereits in den 1920er Jahren lockte der Waldlauf "Prinzenteich-Sängerwiese" im Rahmen der Arbeiter-Sportwoche oder ein Jugendtreffen im Jahr 1923 die Besucher an. Weitere Einträge der Chronik belegen die Durchführung der Kreis-Spartakiade des DRK 1962 und das am 2.8.1965 der staatliche Forstwirtschaftsbetrieb eröffnet wurde in unmit- telbarer Nachbarschaft zum Gasthof. Eine Eisenacher Zeitung vermeldet im August 1975 den Aufenthalt internationaler Feriengäste im Waldhaus und laut Beschluss des Rates der Stadt Eisenach vom 23. April 1980 wird die Straßen- bezeichnung "Sängerwiese" in den Wohnbezirk 4 aufgenommen.
Ein Familienausflug zur Sängerwiese in den 1950er Jahren
"Natürlich wussten wir, daß wir ganz bestimmt nicht die einzigen sein werden, die pünktlich zur Kaffeezeit an der Sängerwiese nach einem Platz suchen würden, aber so war das eben" erinnert sich Meta Borchert und kramt ein uraltes Foto aus der Zigarrenkiste. "Die gehörte meinem Mann. Die rauchte er immer Sonntags nach dem Kaffee und nur draußen, wo der Qualm nicht stört. Jetzt sind nur noch alte Bilder drin" Eins ist von der Sängerwiese dabei und während das kleine Foto die Runde macht, kramt Oma Meta einen schwarzen Kasten hervor, der sich beim genaueren Betrachten als Fotoapparat "Agfa Box" entpuppt. "Das Ding gehörte eigentlich meinem Mann" sagt sie und deutet auf eine Person auf dem Foto, "aber fotografieren musste immer ich. Deswegen gib es auch so wenige Bilder von mir" kommt es bedauernd. "Aber ich konnte mit dem Ding sowieso viel besser umgehen und ihr habt heute was zum angucken".
Am Sonntag nach dem Mittagessen gab es für Helmut und Meta Borchert nur zwei Wanderziele zur Auswahl. Entweder ging es nach Unkeroda oder zur Sängerwiese. Beide Möglichkeiten boten eine Gaststätte für ein schönes Stück Kuchen und ein Kännchen Kaffee an. In der Regel wurde von Wochenende zu Wochenende abge- wechselt. "Anstehen musste man überall" berichtet Oma Meta gelassen. "Wir mus- sten fast immer auf ein paar freie Sitzplätze warten. Oft kamen wir mit der ganzen Familie und da brauchten wir mindestens 6 Plätze, die Kinder nicht mitgerechnet." Niemand murrte oder drängelte. Man stellte sich an und wartete. "Manchmal blie- ben wir nach dem Kaffee gleich bis zum Abendbrot sitzen" lächelt Oma Meta ver- schmitzt. "Um die Kinder brauchten wir uns da nicht zu kümmern. Die spielten ganz in der Nähe und erkundeten den Wald." Ein Bild zeigt Oma Meta mit Mann Helmut und ihrem Sohn nebst Familie. "Das Foto haben wir in der Herrenwiese mit einem Selbstauslöser aufgenommen". erklärt Frau Borchert und zeigt einen eigenartigen Mechanismus, der offensichtlich irgendwie zu der alten Kamera gehört. "Den mus-ste man hier an die Kamera schrauben, wie eine Uhr aufziehen und sich dann schnell zu den anderen stellen." lautet die kurze Erklärung zu dem sichtbar histor- ischen Gerät. "Manchmal versagte das Ding" lacht Oma Meta erneut. "Dann stan- den wir da die Deppen und nichts passierte. Wenn einer los ging und wollte nach- schauen, machte es Klick und plötzliich ging es doch".
Da Sie selber in der Eisenacher Weststadt wohnten, liegt das Wandergebiet süd- westlich von Eisenach direkt vor der Haustür. Es war durchaus möglich, daß sich nach dem Mittagessen eine kleine Ansammlung einheimischer Wanderfreunde in Richtung Herrenwiese oder Teufelskanzel traf und dann mehr oder weniger zusam- men der nächstgelegen Waldgaststätte zustrebte. "Das Wetter musste schon wirklich schlecht sein, das wir mal nicht loszogen" erklärt Meta Borchert und kramt in der Zigarrenkiste das alte Foto von der Sängerwiese noch mal hervor. "Der Heinz, was der Bruder von meinem Mann war, der war auch manchmal mit seiner Frau und dem Sohn mit dabei. Dann konnte es besonders lustig werden, den der Heinz spielte Zither und Mandoline, und wenn es sich lohnte, nahm der die Glam- pfe einfach mit und wir haben unterwegs gesungen. Ich hoffte immer, das bei der Einkehr in einer Gaststätte der Wirt oder die Gäste das Instrument nicht bemerkten. Nicht, weil es verboten war. Im Gegenteil. Entdeckte irgend einer die in einer Hülle verstaute Mandoline, musste der Heinz spielen und da der Heinz richtig gut spielte, wurde aus einem Lied nicht selten ein ganzes Konzert. Die Volksliedertexte kannte zu der Zeit jedes Kind und es wurde allgemein viel mehr in der Famlie gesungen als heute und was dem Heinz an Liedern nicht einfiel, wussten die Gäste. Für den Wirt oder die Wirtin je nach Gaststätte war das natürlich die beste Werbung für un- sere Thüringer Gastlichkeit. Die Urlauber dachten nicht selten, das müsse so sein, weil der Heinz eben auch noch so gut war. Da gabs eben den einen oder anderen Schnaps für den Künstler umsonst und auch die Gäste waren da sehr großzügig, daß ich manchmal etwas bremsen musste. Immerhin mussten wir ja später noch nachhause laufen. Verglichen zu den heutigen Preise war unser Sonntagsausflug sehr billig. Die Auswahl war zwar nicht so groß, aber es gab Kaffee und selbstge- backenen Kuchen und für den, der es deftig wollte eine Bratwurst oder Bockwurst mit Brot. Strammer Max oder eine kalte Platte mit Aufschnitt standen ebenfalss auf der Karte. Die Kinder bekamen Faßbrause und der Männr tranken Bier. Es fehlte an nichts, aber die Wünsche waren in dieser Zeit auch viel bescheidener".
Es ist spät geworden und das Licht der alten Stehlampe im Wohnzimmer von Oma Meta wirft ein warmes Licht auf die Zigarrenkiste von Bruhns, der alten Foto Box und den anderen Reliquien aus längst vergangen Tagen. "Ihr müsst bald mal wieder zum Kaffee kommen" bittet Meta Borchert ihre Gäste an diesem Sonntag, denn zum wandern kommt sie in ihrem Alter nicht mehr. "Es gibt ja noch so viele Geschichten zu erzählen". Seit der Helmut nicht mehr da ist, ist es einsam geworden in der Welt von Oma Meta. "Es war eine schöne Zeit, aber irgendwann ist alles mal zu Ende" resümiert die Renterin und macht dabei ein erstaunlich zufriedenes Gesicht. "Wir hatten eine schöne Zeit, das gibt es heute so nicht mehr".